Traumberuf Bergführer - Sechs Dinge, die du wissen solltest, falls du Bergführer werden willst

Trainierter Body, ständig am Berg und dafür auch noch Geld kassieren – im Bergführer sehen viele Berggeher den Traumberuf schlechthin. Doch selbst die scheinbar perfekte Verbindung von Hobby und Beruf kann manchmal die Hölle sein.

Bergführer mit Kunde am Gipfel Ι Rechte: Mauritius

Dein Abzeichen ist alles

Nirgends fliegt dir so viel Bewunderung entgegen wie als Bergführer auf der Hütte. Dass du Heimweh, Schulden oder Liebeskummer hast, will keiner hören. Betrittst du mit deinem Bergführerabzeichen auf der Brust die Stube, mustern dich die respektvollen Blicke der Gäste. Der Nimbus deines Sheriffsterns hebt dich in ihren Köpfen schlagartig auf einen Marmorsockel. „Wenn ich eine Tour einmal als Teilnehmer mitgehe und einmal als Bergführer, sehen mich die Leute aus zwei völlig verschiedenen Blickwinkeln“, sagt Bergführer Olaf Perwitzschky aus Weilheim. Na also, dann her mit der Ehre: An deinem verbrannten Gesicht lesen Hobby-Berggeher das Heldentum des Alpinismus ab, die Entbehrungen und Strapazen harter Kerle wie dir, die dem Matterhorn aufs Haupt steigen. Dass du die Nacht davor in der Hörnlihütte mit WLAN, nagelneuen Betten und heißen Duschen quasi in einem Berghotel verbringst, muss ja nicht jeder wissen. Lieber erzählst du beim Abendessen von deiner harten Anwärterzeit in Chamonix, als du tausend Meter hohe Nordwand-Couloirs praktisch am Fließband erledigt hast. Die kurzen Zustiege Dank perfekter Bergbahn-Anbindung lässt du mal lieber weg. Mit einem Schuss Ruhm schmeckt das aufgewärmte Gröstl gleich viel besser.

Deine Kinder wachsen ohne dich auf

Du darfst nicht nur andauernd am Berg unterwegs sein, du musst. Und das ist, nicht nur der beste Grund für den Bergführer-Beruf, sondern auch das größte Gegenargument. Deine Kinder können getrost ohne dich aufwachsen, Hauptsache du bist ein wilder Hund. „Als Bergführer bin ich in Deutschland weg aus dem eigenen Bett. Geregeltes Familienleben gibt es eigentlich nicht. Arbeiten heißt, weg sein“, sagt Olaf Perwitzschky, der zusätzlich zur Bergführerei ein Volontariat beim Bergmagazin ALPIN absolvierte. Frauen kennen da übrigens genau so wenig: Selbst ihr vier Monate altes Baby hinderte die Schweizer Bergführerin Bettina Sulliger-Perren nicht daran, einen Gast aufs Matterhorn zu führen. Sie musste für die Kletterei am Hörnligrat nur mehr Zeit einplanen – zum Milch abpumpen.

Deine Beziehung ist zum Scheitern verurteilt

Du steigst gerne pausenlos mit neuen Leuten ins Bett? Dann ist Bergführer eine hervorragende Berufswahl: Dauernd woanders, ständig mit sportlichen Leuten unterwegs, die genau jetzt was erleben wollen. Da steigt die alpine Freiheit dem Anzugfuzzi oder der PR-Tante ganz schnell zu Kopf. Mit deinem durchtrainierten Körper marschierst du voraus und präsentierst deinen Knackarsch. Dein nächstes Opfer dackelt dann schon von selber hinterher. Nach dem Saufabend auf der Hütte warten im Lager noch ein Paar schmerzende Füße auf dich und deine Blasenpflaster. Gut, dass der Alpenverein die Zimmer seiner Hütten mit immer weniger Betten baut. Nette Vorstellung oder? Es gibt Behauptungen, bei Bergführern wäre die Scheidungsrate höher als bei Piloten. Bergführer Olaf Perwitzschky (49) fällt kein hauptberuflicher Bergführer ein, der seit vielen Jahren eine intakte Beziehung führt. Stattdessen erzählt er die Anekdote von einem deutschen Bergführer, der angeblich von einer Geburt zur nächsten gehetzt ist – mit dem Ergebnis, dass er danach trotz mehrerer Kinder von verschiedenen Frauen alleine da stand.

Deine Gesundheit muss dir heilig sein

Tust du dir weh, kannst du nicht arbeiten. Kannst du als Selbständiger nicht arbeiten, bist du pleite. So einfach ist das. Das hohe Verletzungsrisiko war für Olaf einer der Gründe, warum er nie hauptberuflich als Bergführer arbeiten wollte: „Ein harmloser Skisturz, ein falscher Tritt und ein paar Komplikationen und das wars. Wenn du da nicht ansatzweise ein zweites Standbein hast, wirst du dich schwer tun.“ Bei rund 200 Tagen im Jahr am Berg ist ein Unfall ziemlich wahrscheinlich, da musst du nicht einmal selbst schuld sein. Olaf nutzt seine riesige Praxiserfahrung als Bergführer für seinen Hauptberuf als Produkt-Tester und Material-Guru in Sachen Berg-Equipment. Viele Bergführer sind auch Zimmerer. Du kannst aber auch ins Produktdesign beim Hersteller gehen, im Sportgeschäft Bergschuhe verkaufen oder eine Kletterhalle pachten. Oder du eröffnest eine kommerzielle Bergschule und ziehst dein eigenes Outdoor-Unternehmen hoch – in jedem Fall bist du dann kein hauptberuflicher Bergführer mehr, sondern Geschäftsmann, Modedesigner oder Schuhverkäufer. Auf der Fraueninsel im Chiemsee wohnt sogar ein Bergführer, der im Hauptberuf als Ofenbauer arbeitet.

Du spielst mit dem Tod und mit dem Knast

Nur wenige Berufe haben eine derart konkrete Verantwortung für Leib und Leben. Verspekuliert sich ein Banker, gehen ein paar Milliarden drauf. Blöd, aber selten lebensbedrohlich. Stürzt einer deiner Gäste ab, ist er tot. Damit das nicht passiert, führst du die Leute im Absturzgelände am „kurzen Seil“, der alpinen Führungstechnik schlechthin. Sie unterscheidet staatlich geprüfte Guides von guten Hobby-Bergsteigern. Du wickelst dir das Seil um die Schulter, fixierst es an deinem Gurt und bindest am Ende deinen Gast ein. Stürzt er, musst du ihn halten, und zwar ohne Bohrhaken, Köpfelschlingen oder andere Fixpunkte, nur aus eigener Kraft. Hältst du ihn nicht, gehst du mit drauf. Gehst du seilfrei und er stürzt trotzdem, bist du dran. Auf vielen Viertausendern – deinem Kerngeschäft als Bergführer – läuft das so. Trotz dieser großen Verantwortung sehen viele Kunden in dir einen Dienstleister: Die Bedingungen sind nicht so toll, aber ich habe dafür bezahlt, also mach‘ mal! Mit dieser Jonglage aus Leistungsdruck, Risiko und Lebensgefahr musst du klarkommen.

Du spulst ständig dasselbe Programm ab

Ein großer Teil deiner Gäste bucht dieselben Ziele, nämlich hohe Gipfel, klassische Routen und Mode-Durchquerungen. Weil damit das beste Geschäft zu machen ist, stapfst du in manchen Jahren zehn Mal auf den Mont Blanc oder den Großglockner. So schön das anfangs ist, irgendwann kotzt es dich an. Vor allem die vollen Hütten. Schluck‘ das unbedingt runter, öffentlich sagen darfst du das niemals, du hast ja schließlich dein Hobby zum Beruf gemacht. Richtig arbeiten gehen magst du eben nicht – das denken zumindest viele deiner bergfernen, aber reichen Kunden, die in dir nur den wettergegerbten Paradiesvogel sehen. Auch das Aufstehen um zwei Uhr in der Früh zermürbt dich, wenn du es den ganzen Sommer durch machst. Mal bis sieben schlafen ist auch nicht schlecht. An solchen Tagen bist du aber daheim, und dort will deine Familie was von dir haben. Wenn du schon mal da bist.

Bildnachweis: Mauritius