Warum der Bergführer immer den kleinsten Rucksack hat

Zeig‘ mir deinen Rucksack und ich sag‘ dir, was du am Berg kannst – so oder so ähnlich ist der Zusammenhang zwischen Bergerfahrung und Rucksackgröße.Je routinierter jemand am Berg unterwegs ist, desto kleiner ist das Gepäck.In einer geführten Gruppe sieht das kurz vor dem Gipfel in etwa so aus: Hinten in der Gruppe quälen sich die Leute mit schweren Rucksäcken die letzten Meter rauf und vorne hüpft ein Typ lockerleicht die Serpentinen hoch.

Das ist der Bergführer. Er hat den kleinsten Rucksack.

Ein Phänomen – aber wie machen die das nur?

Bergsteiger mit Rucksack Rechte: Mauritius
Bergführer nehmen nur das leichteste Zeug mit

Grund 1:

Weil er nur das leichteste Zeug mitnimmt

Hobby-Berggeher besitzen ein Paar Bergschuhe. Die ziehen sie auf jeder Tour an, auf die Almwanderung genauso wie auf die Transalp. Dazu eine Jacke und einen Rucksack, Stöcke vielleicht, fertig. Alles andere – Gurt, Helm, manchmal sogar Pickel und Steigeisen – müssen sie leihen. Und das Zeug ist, damit‘s länger hält, solide und sauschwer. Anders der Bergführer: Er packt statt des pelzigen Kälberstricks ein hauchdünnes 30-Meter-Seil ein, sein Helm aus Polypropylen-Schaum ist leichter als eine Häkelmütze und sein Klettergurt ist so dünn, dass er ins Brillenetui passt. Muss er auch – der Rucksack fasst nämlich nur 20 Liter. Alles was da nicht reinpasst, bleibt daheim.
Bergführer kennen jede Tour auswendig

Grund 2:

Weil er jede Tour auswendig kennt

Und damit weiß der Bergführer haargenau, was ihn erwartet. Warum einen langen 60-Meter-Strick mitnehmen, wenn nur ein kurzer Grat abzusichern ist? Wozu 18 Expressschlingen mit durch die Wand schleppen, wenn es für die paar Zwischensicherungen auch fünf tun? Durchfalltabletten, flauschiger Jumpsuit für die Hütte, Ohrenstöpsel, Deo, elektrische Zahnbürste, Kontaktlinsenlösung, Flipflops und Duschgel – das alles lassen Bergführer daheim. Denn am Berg gilt: Schnelligkeit ist Sicherheit. Und wer schnell sein will, muss leicht sein.
Bergführer schwitzen und trinken nicht

Grund 3:

Weil Bergführer weder schwitzen noch trinken

200 Tage im Jahr am Berg, da lehnt sich die Transpirationsabteilung im Bergführerleib irgendwann entspannt zurück, und sagt selbst bei der zwölf Stunden-Hitze-Etappe: Wenn‘s sonst nix is? Mich bringt so schnell nix ins Schwitzen. Kein Wunder, denn der Guide muss ja dauernd auf die Lastenträger hinter ihm warten. Sprich: Er geht viel langsamer, als er eigentlich könnte – und kann sich so Wechselklamotten und das Outdoor-Microfaser-Handtuch sparen. Genauso wie die Dreiliter-Trinkblase mit Magnesiumlösung. Denn auf der Hütte wartet schon die einsame Wirtin mit dem Bier…
Bergführer tragen die Rucksäcke der Kunden

Grund 4:

Weil er die anderen Rucksäcke tragen muss

Wenn die Muli-Truppe aus Sportstudenten, Runtastic-Pro-Usern und Marathonläufern unter dem 65+20 Liter Backpacker-Rucksack in die Knie geht, muss ja noch einer da sein, der das Gepäck die letzten zwei Stunden bis ans Ziel schleppt. Natürlich zusätzlich zum Bergführer-Rucksack – damit keiner merkt, wie leicht der ist. Nicht dass irgendwann einer auftaucht, der noch weniger Gepäck dabei hat.
Bergführer schnorren sich auf der Berghütte durch

Grund 5:

Weil er sich auf der Hütte durchschnorrt

Gurkengläser, Salamistangen und Vollkornbrot kann der Bergführer daheim lassen. Er wird auf der teuersten Schweizer Hütte auch so satt. Sein Trick: Während die Gäste am Nachmittag im Lager liegen und ihre Blasen tapen, schleicht sich der Bergführer in die Küche. Dort fällt ihm die Wirtin um den Hals, macht ihm den Bierkrug voll und schneidet ein paar Kilo vom guten Speck auf. Und zufällig ist das Hirschgulasch auch gerade fertig. Schlafen dürfen Guides übrigens im Bergführerzimmer. Und was dort passiert, ist geheim. Klar ist aber: Wer auf der Hütte so gepampert wird, braucht nur ein alpines Handtäschchen mittragen.
Bergführer haben einen schweren Sheriffstern

Grund 6:

Weil sein Sheriffstern so schwer ist

Der Bergführer kann gar keinen schweren Rucksack mitnehmen. Er muss ja Gewicht sparen. Der Grund: sein riesiger Aufnäher vom Internationalen Bergführerverbandes IVBV – dem Superduper-Sheriffstern für staatlich geprüfte Bergführer. Das Teil ist ein blaues Logo und vom Design her könnte es auch für ein UNO-Irgendwas-Hilfswerk stehen oder für die schematische Darstellung unseres Sonnensystems. Das Ding ist so groß wie eine Frisbee und prangt von der Gore-Jacke über den Fleece bis zum Merino-Unterhemd auf jedem Kleidungsstück von Bergführern. Außerdem hat der Guide in jeder Hosentasche noch die Ausführung als Anstecknadel - falls beim Essen mal die Tomatensauce danebengeht. Wer so viel Verantwortung trägt, muss natürlich die Wechselsocken daheim lassen.
Bildnachweis: Mauritius