Skitour Rechte: Julian Bückers

Harter Vorstieg ins Netz.

Für fast jeden Service gibt es Webportale, nur die Bergführer verharren in der analogen Steinzeit. Darum wollen jetzt immer mehr digitale Markplätze geführte Touren vermitteln, wenn die Guides selbst nicht so skeptisch wären.

Mit der Aussicht am Gipfel ist es ja so eine Sache – bis zum Horizont überblickt man schon ziemlich viel. Kaum vorstellbar, dass jenseits der noch viel größere, von hier unsichtbare Teil der Alpen liegt. Ähnliches Prinzip gilt für die große Gemeinde der Berggeher: Aus Sicht eines Mitglieds im Deutschen Alpenverein mit 1,1 Millionen weiteren Mitgliedern und einem gigantischen Angebot an Hütten, Wegen, Kursen, Kletterhallen, Naturschutzprojekten oder Sektionstouren sei die Frage erlaubt, ob es außerhalb dieses alpinen Zentralorgans überhaupt noch Bergsteiger gibt. Die Antwort ist einfach: Ja, gibt es. Denn nicht alle haben Lust auf Vereinsleben, aber trotzdem Bock auf Bergsteigen.

Und auch die brauchen zwischendurch Profis, die sie auf Gipfel außerhalb ihrer Reichweite führen. Die Profis sind Bergführer, und von denen gibt es hierzulande ziemlich wenige. 586 von ihnen sind im deutschen Bergführerverband organisiert – neben 1,1 Millionen im DAV sowie Tausenden weiteren bergbegeisterten Leuten sind das nur ein paar Hansel. Ziemlich schwierig als Kunde, so einen zu finden. Aus Sicht der Guides allerdings ein idealer Markt: kleines Angebot bei riesiger Nachfrage. Erst recht bei der regelrechten Flutwelle an neuen Hobby-Berggehern, die die Alpen in den vergangenen Jahren überrollt hat.

Wie finden Bergführer und Gast also besser zueinander? Online heißt die Antwort. Das überrascht, weil Bergführer ja eher einen Weg durch den Khumbu-Eisbruch am Everest finden, als mit Quellcode zu hantieren. Das erklärt auch, warum man im Netz bislang leichter Drogen bestellen konnte als einen Bergführer zu buchen. Diesem Problem wollen derzeit immer mehr digitale Ansätze begegnen, davon gleich zwei aus München.

Bergführer finden auf Guidebase aus München

Guidebase – Einbruch durch schlechten Winter

Eines davon nennt sich Guidebase, das Startup von Henning Rehder und Jonas Kronwitter. Guidebase ermöglicht eine Tourensuche, zeigt detaillierte Bergführer-Profile an und erlaubt eine schnelle Buchung samt kompletter Zahlungsabwicklung per Kreditkarte oder Paypal. Wird ein Guide etwa für eine Führungstour auf den Ortler gebucht, sieht er auf seinem Smartphone das Profil des Gastes, stellt über den eingebauten Messenger ein paar Fragen zu dessen Bergerfahrung und bestätigt die Buchung. Zwischendurch schlechte Internetverbindung in den Bergen umgeht Guidebase per SMS. Ein Treffpunkt wird abgesprochen, es kann losgehen. Für die ganze Organisation nimmt das Portal 15 Prozent Provision. Auch Detailfragen wie etwa Stornierung bei Schlechtwetter haben die Guidebase-Macher bedacht.

Die Idee dafür kam Henning Rehder im August 2014 auf der Goûterhütte am Mont Blanc. Für seine Touren ins Hochgebirge vertraut sich der 34-Jährige gerne Bergführern an, findet es als Bergneuling allerdings schwer, mit ihnen in Kontakt zu kommen. "Im Netz bekommt man oft Angebote, die nicht so modern sind. Oft steht da nur eine E-Mailadresse oder Telefonnummer. Und man weiß auch nicht, wer der Beste ist. Das wollen wir übersichtlicher machen."

Im November 2015 startete Guidebase mit großen Hoffnungen aufs Wintergeschäft. Man sammelte etwa 300 Guides, darunter derzeit 131 staatlich geprüfte Bergführer. Der Rest sind andere vom Staat geprüfte Fachkräfte wie Skilehrer, Wander- oder Canyoningführer. Man gab reichlich Geld für Werbung aus und hatte bald 700 Buchungen im System. Und das, obwohl die Nutzer deutlich weniger Funktionen vorfanden, als ursprünglich geplant. Dann kam der Schock: 95 Prozent wurden wieder storniert. Kein Schnee. „Das war eine mittlere Katastrophe für uns“, sagt Henning Rehder. Doch Guidebase will weitermachen: Neuer Investor, neue Entwickler. Weg vom App-Gedanken, hin zu responsivem Webdesign. Weg vom einzelnen Bergführer, hin zu größeren Bergschulen. Für Spätsommer ist der Neustart geplant.

Bergführer suchen auf Guidefinder aus München

Guidefinder – Bergführer UND Begleitung für Touren finden

Bergführer buchen kann man auch auf Guidefinder, der App von Florian Birnkammer und Kollegen von einer kleinen Marketing Agentur in München-Sendling. Das Prinzip ähnelt dem von Guidebase namentlich wie inhaltlich. Guides können Touren anbieten, Gäste können suchen. Doch wo Guidebase die Buchung Dank aufwändiger Engine durch den gesamten Checkout-Prozess begleitet, stoppt Guidefinder bei der verbindlichen Buchungsanfrage. Bezahlt wird dann woanders. Dafür können bei Guidefinder nicht nur Bergführer und Bergschulen ihre Touren anbieten, sondern auch Hobby-Berggeher selber. Wen statt Touren-Klassiker wie Venter Runde, Brenta-Durchquerung oder Monte-Rosa-Überschreitung eher was Ausgefuchsteres in Slowenien oder im Tessin reizt, kann bei Guidefinder eine eigene Tour anlegen. Stolpern andere Interessenten darüber, können sie teilnehmen, und am Ende kann die Gruppe zusammen einen Bergführer buchen und losziehen.

Das war auch die Ursprungsidee von Florian Birnkammer, der schon lange Touren für sich und sein Umfeld entwickelt und dann mit Bergführer durchführt. Guidefinder ist für ihn die Weiterentwicklung seiner privaten Handhabe. Geld verdienen will Guidefinder über Zusatzangebote von Dritten, etwa wenn eine Gruppe ein Skitourenwochenende im Villgratental plant und die App automatisch Hotel-Angebote vor Ort vorschlägt. „Keine Bannerwerbung, sondern richtig buchbare Optionen“, versichert Birnkammer. Für den Umsatz ist bei Guidefinder die reale Buchungszahl also völlig egal, weshalb der schneearme Winter dem Projekt von Birnkammer und Co. eher genützt als geschadet hat: „Die Bergführer saßen eher am Rechner, anstatt draußen unterwegs zu sein“. 186 Bergführer sind derzeit auf Guidefinder zu finden, die meisten davon im deutschsprachigen Raum. „Wir haben uns eigentlich schnellere Fortschritte erhofft“, sagt Birnkammer, „aber dann gemerkt, dass Bergführer meistens nicht so digital-affin sind. Da mussten wir viel erklären.“ Dennoch erreichte Guidefinder im ersten Winter mit weit über hundert Buchungen mehr als erwartet.

DAV macht Bergführern Konkurrenz

Mit dem individuellen Planungsansatz greifen sowohl Guidebase als auch Guidefinder den Individualitätsgedanken beim Bergsteigen auf, den auch Michael Lentrodt, Präsident des deutschen Bergführerverbandes VDBS von den deutschen Bergführern fordert. "Ich bin der Meinung, dass die Bergführer sich auf Kunden konzentrieren sollten, die ein auf sie persönlich zugeschnittenes Bergerlebnis haben wollen, wo auch anspruchsvollere Touren möglich sind." Eine klare Abgrenzung zum Massenprodukt DAV-Kurs, und die ist dringend nötig. Vor allem im Großraum München kämpfen Bergführer zunehmend mit dem Konkurrenzprogramm des Deutschen Alpenvereins mit tausenden von Tourenmöglichkeiten. Die Kosten liegen weit unter dem vom Berufsverband empfohlenen Tagessatz von 450 Euro. Das liegt einerseits an der Struktur des DAV als gemeinnützige Organisation mit niedrigerem Steuersatz, andererseits am Führungspersonal. Die Leitung bei DAV-Touren übernehmen häufig Fachübungsleiter. Bei Guidebase wie bei Guidefinder dürfen vergleichbare Touren ausschließlich staatlich geprüfte Berg- und Skiführer führen. "Das ist für mich unbedingte Voraussetzung, weil das die am besten qualifizierten Bergführer sind", sagt VDBS-Präsident Lentrodt.

Michael Lendrodt - Präsident des deutschen Bergführerverbands

Boom an Online-Vermittlungen

Auch außerhalb Münchens entstehen derzeit digitale Angebote für Bergsportler. Checkyeti, ein reines Winter-Portal aus Wien, spricht vor allem Pistensportler an. Das Angebot reicht vom Kinderskikurs bis zu privatem Snowboard-Unterricht, Berg- und Skiführer kommen vor allem auf geführten Freeride-Touren zum Einsatz. Einen ziemlich bunten Strauß an Reisen bietet Guiders.de aus Köln. Es gibt dort Segway-Touren am Rhein, Quad Fahren für Junggesellenabschiede oder Geocaching für Firmenteams, aber auch Klassiker wie den E5 von Oberstdorf nach Meran. Neben staatlich geprüften Bergführern setzt Guiders.de allerdings auch andere Outdoor-Spezialisten ein, etwa staatlich geprüfte Wildnisführer. Mehr beim Bergsteigen, allerdings auf der ganzen Welt, bleiben die Macher von explore-share.com aus Belgien. Auch sie geben an, hauptsächlich Guides mit dem international anerkannten Bergführer-Diplom einzusetzen. Ebenso auf Bergführer, aber auch auf staatlich geprüfte Skilehrer setzt das Startup Ongosa aus London. Wie die Österreicher von Checkyeti ist Ongosa ein reines Winterportal. Das Startgeld sammelte man per Crowdfunding ein, und seit Oktober 2015 kann man dort private Pistenskilehrer, geführte Skitouren oder Heliskiing buchen. Die meisten Touren finden bislang in Frankreich und der Westschweiz statt – dort wo sich halt viele Briten tummeln.

Bergführer setzen weiter auf Stammgäste

So unterschiedlich alle Angebote daherkommen, eines eint sie: Alle bringen Sportler besser mit staatlich geprüften Bergführern zusammen. Die wiederum müssten eigentlich nur das für ihr Profil passende Portal aussuchen und loslegen. Doch an dem Bewusstsein, dass solche neuen digitalen Angebote auch ein Stück Zukunft sind, hakt es bislang. „Bei vielen Bergführern begegnet uns die Haltung: Ist ja schön, aber wofür braucht's denn das? Ich hab doch meine Stammgäste und Bergschulen“, sagt Guidefinder-Macher Florian Birnkammer. „Die Leute sind aber gewohnt, dass sie aus einem riesigen Angebot wählen können. Da wird das Thema Stammgäste nicht ewig tragen“. Auch wenn Bergführer per Berufswahl den größten Rundumblick haben, ihr größtes Geschäft erwartet sie derzeit hinter dem Horizont, nämlich im Netz. Und das überblickt man bislang leider nur vom Bildschirm aus.

Bildnachweis: Julian Bückers